Dr. Enno Kaufhold,
Auszug aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung
"Positionen der Farbfotografie III. Die Abstraktion"
im Kunst- und Medienzentrum Berlin Adlershof, 30. Juni 2000
 
Gunda Oelmann (Berlin), Christina Paetsch (Berlin), Karl- Martin Holzhäuser (Bielefeld), Gottfried Jäger (Bielefeld), Gerhardt Mantz (Berlin) und John Schütz (Berlin)

... ob wir wollen oder nicht, keiner kann sich den Beschleunigungen im Alltag entziehen. Die überall anzutreffenden forcierten Entwicklungen lassen keinen Bereich des Lebens unberührt. Für das weltweite Kommunizieren ist das evident, nicht offenbar jedoch beim Fünf-Minuten-Reis, dem Sekundenkleber und nicht zu vergessen bei der immer naheliegenderen, folglich schnelleren Chance, wegen Arbeitslosigkeit zum Arbeitsamt gehen zu müssen, oder von der Arbeitslosenhilfe in die Sozialhilfe abgestoßen zu werden. Reziprok zu den allumfassenden Beschleunigungen erleben wir das progressierende Verschwinden, das Verschwinden von vielem: dem Standtelefon, dem Normalreis, dem guten alten Uhu-Alleskleber und den existenzsichernden Tätigkeiten.

Dies und vieles mehr ist beschleunigt im Verschwinden begriffen. Das hat auch mit der Kunst und im Besonderen mit der künstlerischen Farbfotografie zu tun. Denn - um in ästhetischen Kategorien zu sprechen - auch die Farbe verschwindet, obwohl, und das scheint ein Widerspruch zu sein, überall und mehr denn je Farbe zu sehen ist. Doch das ist nicht die Farbe nur, die ich meine, sondern Buntheit, und die hat mit Farbe nur mittelbar zu tun und lohnt der Mühe, wenn man über Farbe sprechen will. Statt kenntnisreichem Kalkül macht sich Beliebigkeit breit. Wenn deshalb heute in der dritten von Longest F. Stein kuratierten Ausstellung "Positionen der Farbfotografie" verschiedenen abstrakten Positionen ein Forum eingeräumt wird, dann sehe ich in den hier versammelten Arbeiten ungeachtet aller individuellen Unterschiede, auf die ich zu sprechen kommen will, generell das Insistieren auf Farbe und Farbwerte in Relation zu Bedeutungen. Wissentlich oder unbewusst stellen sich die hier zusammengekommenen Künstlerinnen und Künstler in ihrem gestaltenden Umgang mit Farbe, nämlich fotografischer Farbe, gegen das Verschwinden von Farbbewusstheit, gegen das Chaos allgegenwärtiger Buntheit.

Was diese Ausstellung und mit ihr die beteiligten Künstler verbindet, das ist das Abstrahieren in der Gestaltung. Und wie es der Begriff der Abstraktion schon vermittelt, geht es nicht um restlose Gegenstandslosigkeit, die allein möglichen inneren Gesetzten gehorcht, sondern um die ästhetische Verarbeitung realer Gegebenheiten.

Am unmittelbarsten lassen das dies die Arbeiten von Gunda Oelmann erkennen. Als gelernte und praktizierende Textilrestauratorin kam sie fachbedingt mit der fotografischen Dokumentation von Stoffen in Berührung. Daran waren bestimmte, das Handwerkliche berührende Anforderungen geknüpft, die sich aus der Fachimmanenz ableiten. Aus diesen Erfahrungen entwickelte sie dann im Bemühen um eine eigene künstlerische Handschrift, die sich von diesen Anforderungen abweichend klar an ästhetischen Kriterien orientierte. So wurden aus Stoffansichten eigene Bilder, denen das Stoffliche, der Faltenwurf und ähnliches zwar noch ansehbar ist, die aber eine ganz eigene Bildform schufen, aus der allein die Fantasie Gunda Oelmanns und bei Veröffentlichung die der Betrachter, Bilder ziehen konnten und können. Die Sinnlichkeit der Stoffe als dem, was dem Menschen täglich ganz nah ist, und die je nach Textilart variiert, geht in die fotografisch organisierte Sinnlichkeit über und affiziert als solche den Betrachter. In den hier ausgestellten, stark vom textilen Ursprung abstrahierenden Bildern mit den Titeln "lamé" und "lamé rouge" kann so bei unserer Betrachtung aus Stoff menschliche Haut, aus einem Schatten eine Höhle werden, oder Silber- und Goldglanz und Glitzer mutieren zum sternenübersäten Himmel, möglicherweise dem über der Uckermark, wo Gunda Oelmann ihren zweiten Wohnsitz hat, und auch das virtuelle Auftreten figürlicher Erscheinungen ist nicht auszuschließen. Gunda Oelmann abstrahiert ihre teils mystischen Bilder buchstäblich aus Stoffen, die wir aus unserem Alltag kennen...