Das Rot des Papstes auf Marlenes Haut
Zu den Fotografien von Gunda Oelmann

In dem Film "In achtzig Tagen um die Welt" (R: Michael Anderson, 1956) beeindruckt die opulent gekleidete Dietrich in einer nur dreiminütigen Salonszene. 1995, 39 Jahre später, wurde dieses Filmkostüm in einer gesonderten Vitrine im Marlene-Saal der 100-Jahre-Film-Ausstellung "Kino Movie Cinema" im Berliner Martin-Gropius-Bau ausgestellt.

Gunda Oelmann hatte damals von der Stiftung Deutsche Kinemathek den Auftrag zur Restaurierung bzw. Konservierung des Kleides erhalten und es anschließend für die Ausstellung auf eine Figurine zu drapieren.

Soweit, so gut; nur: sie verfing sich in dem Kostüm - in den Pailletten, dem Lamé und den rot schwarz orangenen Samt- und Seidenbahnen, die in einem riesigen hinteren Schleifenaufbau mündeten - und fotodokumentierte den Arbeitsprozess ausgiebig. Aus den Vergrößerungen vom Negativ entstand 1994/95 der Marlene-Zyklus: "lamé rouge I, II, III" in der Größe 183 x 113 cm und eine Mehrzahl kleinerer Formate.

In diesen ersten, einem eigenständigen Kunstwollen geschuldeten Fotos, offenbart sich der besondere Blick der Textilrestauratorin für das feine Detail - ein Fädchen oder gar ein Verschluss - als unmittelbarer Ausgangspunkt für ihr künstlerisches Arbeiten. Im Zuge der späteren Vergrößerung mutierten die ursprünglichen Formen stark. Eine Schleife erschien nun als geöffnete Schenkel und die roten übereinander gelegten Stoffteile als innere Organe - vielleicht ein menschliches Herz oder auch eine Leber. Und spätestens hier muss dem irritierten Betrachter bzw. Leser klar sein, dass die Detailaufnahmen in den immer größer werdenden Bildformaten sukzessiv ein Eigenleben entfalteten. Die ehemals harmlosen stofflichen Strukturen begannen zu knistern und schwitzen, manche wurden seidig weich, andere kratzten; sie fanden sich ein in prachtvollem Glanz oder strenger Einfachheit; falteten sich, zeigten sich genäht und als solche von einer Nadel gestochen, manche trugen gar Schnallen oder auch Ösen und Verschlüsse.

Irgendwann diente der alte Taftunterrock von Frau Kühn als Vorlage für eine Fotoserie. Außerdem arbeitete die Künstlerin bisher mit drei Kleidern: einem schwarzen, einem hellen und einem roten. Als erstes entstand 1995 unmittelbar nach dem Marlene-Zyklus die Aufnahme eines Samtkleides mit Taftvolant unter dem Titel "Großes Schwarzes". 2000 folgte das dezent silber-graue "Chinchilla" aus feinem Seidenkrepp. 2005 datiert das "Große(s) Rote(s)", welches durch die formale strenge Aufnahme der Hinteransicht androgyn wirkt. Der sichtbare lange Reißverschluss am Oberteil legt die Deutung als einzwängendes Kleid - vielleicht gar als Zwangsjacke - nahe. Zumal der Stoff, ein durch die Hitze des Bügeleisens "gequälter" Taft, speckig glänzt und dadurch fast übernatürlich wirkt.

Licht und Schatten geben diesen großformatigen Arbeiten eine berührende sinnliche Aura, als ob die Gewänder in den Fotos zu leben vermögen und als lebendiges Relikt einer Geschichte erscheinen. Und in welcher Falte oder hinter welchem Schatten sich diese verbirgt, anfängt oder endet, bleibt dem Betrachter überlassen. Sinngebung oder auch Bedeutung erfahren sie eigentlich erst im Ausstellungsraum durch die Besonderheit ihrer Inszenierung. Beispielsweise platzierte Gunda Oelmann das Foto "Großes Rotes" im Jahr 2005 in einer Ausstellung an der Stirnwand und säumte es mit 36 extrem schmalen und hochformatigen Vergrößerungen von Detailaufnahmen. Diese mit "Der Weg zum Rot" betitelte Installation war im Monat der Papstkrönung in der Kloster Galerie, Prenzlau zu sehen.

In dieser - durchaus auch ambivalent besetzten - Auseinandersetzung mit dem Gewand, als gesellschaftlichem Kostüm oder auch als Fetischobjekt einer männlich dominierten sozialen Hierarchie, hinterfragt die Künstlerin im Grunde genommen tradierte sozio-kulturelle Konventionen. Sie weist den Bekleidungsstücken neben ästhetischer Schönheit auch eine machtbesetzte Aura zu und macht diese dem Betrachtenden bewusst.

Seit 2005 arbeitet Gunda Oelmann an ihrem Projekt: "geliebte, gelebte Schuhe" zum Thema Schuhe von Frauen. Dafür hat sie fünfzig Schuhe der unterschiedlichsten Frauen aus ihrem persönlichen Umfeld ausgewählt. Es sind Bekleidungstücke, die immer noch benutzt werden und deren Geschichte sich in den Gebrauchsspuren manifestiert. Zudem haftet dem femininen Schuhwerk ja sowieso, als intimem Objekt und immerwährendem Gegenstand der Faszination, scheinbar mythische Energie an. Formal liegen die Bilder - die man auch als imaginäre Porträts der Besitzerinnen ansehen kann - zwischen geradezu klassischer Modefotografie und bizarrem poetischem Arrangement; auch Kitschiges wird zugelassen.

Unter diesen Schuhen finden sich auch die extravaganten High Heels aus schwarzem Velourleder, in denen Gunda Oelmann während der Dreharbeiten zum Film "Am seidenen Faden" (R: Katarina Peters, Boris ... 2004) für eine Partyszene minutenlang in einer Wasserlache aushalten musste.

Das scheint mir übrigens ein geeignetes Schlüsselbild für den kurzen Exkurs über die künstlerische Arbeit der Fotografin Gunda Oelmann - Ästhetin des Materials, zwischen poetischem Detail und inszenierter Ekstase - zu sein.


Katharina Köpping


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