"Ich als..."
 
Katharina Hausel, Berlin
Eröffnungsrede zur Ausstellung am 09.10.2009, Templin
 
 
... Der Reiz des Verkleidens ist ein geläufiges Thema, und auch das Nachstellen von Gemälden hat eine lange Tradition ...

Doch der Reiz in den Fotografien von Gunda Oelmann ist ein ganz Besonderer: er drückt sich in der Selbst-Inszenierung der Kinder aus, die bekannte Gemälde aus der Kunstgeschichte imitieren. Dabei kann weniger ein Nachstellen, ein Kopieren der Gemälde konstatiert werden, als vielmehr ein sensibles Nach-Empfinden, aufgrund dessen die Protagonisten konzentriert und dennoch gelassen, eine verborgene Seite ihres eigenen Wesens nach außen kehren. Dieses Wesen wird in den Farbaufnahmen sichtbar.

Im Laufe der Verkleidungszeremonie stellen die Kinder fest, dass die Vorbilder aus den alten Gemälden fast nie lächeln. Darin scheint ein wichtiger Aspekt für das Porträtiertwerden zu liegen - sind sie selbst es doch gewohnt, dass sie dazu aufgefordert werden, für das Kamerabild ein freundliches Gesicht zu machen. Bei Gunda Oelmann entdecken die kleinen Modelle ein neues, selbst bestimmtes Fotografiergesicht, und so entwickeln sie einen neuen, ernsten Gesichtsausdruck - mit introspektivem Charakter, in der Art, wie sie gesehen werden wollen. Die Kinder wirken in Oelmanns Farbaufnahmen daher wie in sich versunken und in der fremden Rolle aufgelöst.

Das Besondere dieses Vorgangs erfährt dann sogar noch eine bemerkenswerte Steigerung, wenn die Fotografie zwar mit der Seriosität eines alten Gemäldeporträts daher kommt, es aber gar keine eindeutige Vorlage mehr dazu gibt. Deren Pose ergibt sich stattdessen aus dem Verständnis der Summe sämtlicher Gemäldevorlagen; und diese Pose zeigt damit einen Höhepunkt des Projekts an, weil sie die Reifung des gesamten Arbeitsprozesses in sich vereint.

Gunda Oelmann ist in Sangerhausen geboren. Sie hat sich am Bauhaus in Dessau als Damenschneiderin ausbilden lassen und dann in Dessau am Landestheater, im Schloss Mosigkau und im Atelier für Gemälderestaurierung gearbeitet. Schließlich ist sie diplomierte Textil- und Malereirestauratorin geworden. Durch ihre Tätigkeit bei der Denkmalpflege in Halle, wo sie unter anderem textile Sammlungsobjekte fotografisch dokumentierte, ist ihre enge Beziehung zur Fotografie entstanden. Seither spielt das Kamerabild neben ihren zahlreichen Tätigkeiten als Dozentin und Restauratorin eine wichtige Rolle für sie, sowohl im Beruf als auch in ihrer freien kreativen Arbeit.

Durch ihre intensive Beschäftigung mit Stoffen offenbarte sich Oelmann die Aussagekraft der Textilien - eines ihrer Schlüsselerlebnisse waren ihre Bestandsaufnahmen von der Restaurierung eines Marlene-Dietrich-Kleides. Am Theater hat sie den Spaß an der Verkleidung entdeckt und ausgelebt.

Seit mehreren Jahren arbeitet Oelmann mit Schülern der Ganztags-Grundschule Boitzenburg in der Arbeitsgemeinschaft Fotografie und Gestaltung. Ursprünglich hatte sie die Idee der Verkleidung anhand von Gemäldevorlagen entwickelt, um das Interesseder Kinder für Fotografie, Kunst und Geschichte zu wecken und gleichzeitig deren eigene Kreativität anzuregen. Der Arbeits- und Lernprozess ist spielerisch; dennoch entbehrt er nicht der notwendigen Ernsthaftigkeit. Der Ablauf spielt sich in einem übersichtlich kurzen Zeitraum ab: von der Betrachtung und Auseinandersetzung über die Auswahl des entsprechenden Verkleidungsmaterials - Oelmann verfügt über einen umfangreichen Fundus an Kleidern, Stoffen und sonstiger Accessoirs - bis hin zur individuellen Übertragung des Vorbilds auf die Darstellungsform der eigenen Persönlichkeit. Der Erfolg ist den imponierenden Bildnissen offensichtlich abzulesen!

Gemeinsam betrachten und besprechen die Schüler in Gruppen von vier bis sechs Teilnehmern die Gemäldereproduktionen. Es handelt sich beispielsweise um berühmte Porträts von Vincent van Gogh, Leonardo da Vinci oder Lucas Cranach. Die gemalten Personen zeichnen sich meistens durch ihre aufwändige, dekorative Kleidung in leuchtenden Farben aus. Die Posen der gemalten Figuren wirken mitunter manieriert, wohl überlegt und selbstverständlich gestellt; teilweise sind sie sogar so geschraubt, dass sie gar nicht imitiert werden können. Dabei geben die Bildnisse selbst noch in ihrer reproduzierten Form ein vollständiges und überzeugendes Bild von den fremden Individuen ab. Bisweilen ist es Oelmann möglich, deren Leben und jeweils gesellschaftliche und historische Zusammenhänge aufzuspüren, um sie für die Schüler begreifbar zu machen. Dadurch versetzen sich die jungen Rezipienten auch in die verschiedenen historischen Kontexte hinein. Indem sie sich jeweils ein Vorbild aussuchen, dieses genauer betrachten, darin einsteigen und sich diesem durch die eigene Verkleidung annähern, imitiert dieser Prozess eine Art Zeitreise.

Die Improvisation mit den Kleidungsstücken ist EIN wesentlicher Bestandteil dieses vielschichtigen Vorgangs. Dabei sind die Kostüme oft wirklich nur aus Stoffen und Fragmenten, wie Oelmann sie nennt, gesteckt, so dass teilweise noch die Nadeln erspäht werden können.

Das Kind verpuppt sich und befreit sich währenddessen von der selbst gestellten Konvention "Wer bin ich?".

Die entscheidende Frage ist nicht "Wie sehen mich die anderen", sondern "wie sehe ich mich selbst?". Die Kostümierung spielt dabei eine äußerlich unmittelbar erfahrbare Rolle. Doch der Akt ist insofern weit subtiler, als die intensive Auseinandersetzung mit Gesichtsausdruck und Körperhaltung dabei unabdingbar sind. So kristallisiert sich der Identifikationsprozess eindrucksvoll in der Selbst­inszenierung, die sich im Laufe des gesamten Projekts von jedwedem eindeutigen Vorbild mehr und mehr löst. Schon das Bildnis des Jungen, Benedict (2004), im roten Mantel, mit dem Schlüsselbund am Hals und dem überlegenen Blick, ist zwar nach der Vorlage von Hans Baldung Grien, doch frei assozia­tiv entwickelt worden. Leif mit dem weißen Schal von 2004 ist eine stark auf Wesentliches reduzierte Übertragung von der Vorlage des Balbi-Kinder-Porträts von Anthonis van Dyck. Eric (2004) vor dem roten Vorhang, der ihn halbkreisförmig hinterfängt wie eine große Hutkrempe, schaut so selbstsicher in die Kamera, dass die Betrachter sich unweigerlich an ein bedeutendes Gemäldevorbild erinnert fühlen.

Dieses jedoch gibt es gar nicht. Erics Pose ist die Summe seiner Konfrontation mit allen Vorlagen. Da deutet sich die neue Richtung in Oelmanns Langzeitprojekt an. Die Gemäldereproduktion erweist sich nun mehr als Mittel zum Zweck.

Weitere Faktoren in der Gestaltung des fotografischen Porträts sind die Auswahl der Hintergrundfarben und die Einstellung der Beleuchtung. Während die Schüler ihre Hintergrundfarben wählen, obliegt es der Fotografin, die Beleuchtung zu richten.

Und nachdem die kleinen Protagonisten eben noch Antlitz und Pose im Spiegel kontrolliert haben, achten sie während der Aufnahme gar nicht mehr auf ihr Spiegelbild – sie sind jetzt mit sich einig.

Die Spannung der gesamten, vielschichtigen Gestaltungsarbeit löst sich erst wieder nach dem Höhepunkt des Kameraauslösens. Nachher gibt die Aufnahme tatsächlich die geballte Energie der intensiven Konzentration wieder. Sie ist zwar nur Teil des Prozesses, doch einziges sichtbares Resultat. Die Stoffe sind noch da, wie man in der Vitrine sieht; die Kinder sind gewachsen, wie wir hier sehen können.

Die Fotografie ist in der ganzen konzeptionellen Arbeit nur insoweit ein Dokument, als sie zeigt, dass sich da jeweils jemand verkleidet hat, um sich von jemand anderem abbilden zu lassen. Darüber hinaus ist sie vor allem ein intuitiv und rational kreiertes Bild, das im vielschichtigen Ausdruck seiner fragilen Erscheinung den ganzen Arbeitsprozess und damit die Konfrontation jedes einzelnen Protagonisten mit dem Abbild aus der Kunstgeschichte reflektiert. Der ephemere, also nicht greifbare, Aspekt der Introspektion ist erstaunlicherweise ebenso fotografisch abbild- oder zumindest vermittelbar - als eine Art Kristallisation der psychischen Vorgänge. Aus dieser Sicht ist jedes Einzelne das Bild einer Performance, angeregt und dirigiert von der Künstlerin, die sämtliche Ergebnisse virtuos zusammenstellt.

Der Stehkragen von Malte (2008) und die rote Kopfbedeckung von Michelle (2005), erweisen sich bei genauem Hinsehen als provisorische Drapierungen. Doch es geht ja nicht um die kostümhistorische Nachbildung, sondern es geht um die Mimik, beispielsweise von Philip mit der Pfeife (2008) - stoisch?, Jasmin mit dem Perlenorhrring - schmachtend? - oder Nina mit dem Hermelin - la Primadonna!

Jedes Bild ist von Oelmann in der Gesamtkomposition und Exposition nobilitiert, indem es im Konzept aufgeht. Man mag in diesem Kontext an die umfangreichen Porträtreihen von Thomas Ruff denken, die sich jedoch gerade durch seine geplante Distanziertheit und Neutralisierung der Personenbilder von Oelmanns einfühlsamer Konzeption unterscheiden.

Auch im Vergleich mit den Bildnissen der zur Unkenntlichkeit verkleideten Cindy Sherman, die sich selbst fotografiert, hebt sich Oelmanns Arbeit deutlich davon ab. Sherman geht von sich aus, entfernt sich aber von ihrem ICH in jedem Bild, indem sie vor allem gesellschaftliche Mechanismen reflektiert. Oelmann animiert hingegen die Schüler zur Aktion und bringt sie damit näher an ihr ICH heran. Die Verkleidung dient ihnen selbst zur Erkenntnis.

Es werden schließlich auch die Betrachter mit hineingezogen, fasziniert von der leisen Poesie der zurückhaltenden und dennoch offenen Gesichter, die nicht maskiert, nicht einmal geschminkt sind, und von den harmonischen Klängen der leuchtenden Farben.

Da gibt es schon eher eine gewisse Nähe zu den gestellten Aufnahmen der Russin Ekaterina Rozhdestvenskaya, die Oelmann - später - in einer russischen Zeitschrift entdeckt hat. Rozhdestvenskaya hat für ihre Neuinszenierungen berühmter Gemäldeporträts prominente Persönlichkeiten verkleidet und fotografiert. Doch auch da tun sich bei genauer Betrachtung Klippen auf. Im Kontrast zu deren kühlem, geradezu sterilem Ausdruck wird der reizvolle Charakter der Oelmann-Bilder noch einmal deutlich. Weit weniger retuschiert behalten Oelmanns Porträts ihren spielerischen, frischen Charakter; sie sind ehrlich und in ihrer Natürlichkeit unmittelbar ansprechend. Zudem bergen die Bildnisse der Kinder vielmehr noch das Geheimnis der Träume und realisierbarer Möglichkeiten, die in der Zukunft liegen, während die verkleideten Erwachsenen denselben Weg zurückgehen - eher vergeblich. Fühle ich mich selbst bei der Betrachtung der Kinderporträts wie eine Petra Pan? -

Aus historischer Perspektive regt Oelmanns Arbeit übrigens auch zu Reflexionen über Kinderleben und Kindheit in der Gesellschaft an; dabei sei an Pieter Brueghels »Kinderspiele« erinnert, in dem die Protagonisten noch wie kleine Erwachsene aussehen.

Im kunsthistorischen Kontext erobert sich Gunda Oelmann mit ihrem Langzeitprojekt "Ich als..." zweifellos einen eigenen Platz. In ihrer Porträtarbeit liegt eine starke Präsenz, die auf unmittelbarer Wirkung und leichter Erscheinung beruht, obwohl die Bilder dennoch hart erarbeitet wurden. Dass es ihnen aber nicht anzusehen ist, verleiht ihnen ihre vehemente Überzeugungskraft. Die vermeintliche Spontaneität, gepaart mit Ästhetik und psychologischem Einfühlungsvermögen, verzaubern die Betrachter dieser Bilder.

Es wird spannend sein, zu verfolgen, wie Oelmann ihr Konzept weiter entwickelt. Ich jedenfalls freue mich auf die Ausstellung, und ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.


 < nach oben