Christoph Tannert (Kunstwissenschaftler/Berlin)

Rede zur Personalausstellung von Gunda Oelmann, Fotografie
am 29.10.1998 in der Galerie am Prater in Berlin
 

fragmenté - composé - illuminé

das klingt nach großer freiheitlicher Geste und ist doch nur der sympathisch zurückhaltende Titel für ein Kompositionsverfahren, mit dem Gunda Oelmann seit einigen Jahren Bilder bedingungsloser Schönheit erarbeitet.

Von Hause aus Textilrestauratorin, hat sie sich über den Umgang mit extravaganten Kleidern, besonderen Materialien und der Textilien eigenen breiten Palette des tastbar Stofflichen anregen lassen, das eine oder andere Detail nicht nur in fotografischen Zustandsbeschreibungen zu dokumentieren, sondern auch autonome fotografische Bilder zu inszenieren.

Gunda Oelmann wandelt auf dem schmalen Grat zwischen Dokumentation und kulissenhaft delikatem Formarrangement, Zustandsbeschreibung, Kunst und Gewandekstase.

Die Meinungen werden auseinandergehen: das hier ist nicht die großväterliche Eleganz eines Biedermeier-Wohnzimmers. Das ist der Geist von Peter Greenaway und die Präzision einer John-Galliano-Show in einem.
Je nach Betrachterstandpunkt, wird man dem Ausschlag des Wertungspendels nach dieser oder jener Seite mehr Gewicht zukommen lassen.

So wie es DJ's gibt, die ihr Publikum zum Tanzen bringen wollen und andere, die es betören und bekehren mit magischen Sounds, gibt es auch in der Kunst die Fraktion der Hedonisten und Amüsierwilligen und die Fraktion derer, die Nachhilfe zu geben versuchen in gutem Geschmack. Bei Gunda Oehlmann verwischen sich hier die Grenzen.

Wie die Tontechniker aus knisternden, kratzenden und wummernden Geräuschen geheimnisvolle Electro-Dub-Sinfonien basteln, arrangiert und beleuchtet auch Gunda Oelmann Faltenwurf-Details, als ob sie "Tosca" sampeln würde - einen bestimmten Samtbandabschnitt, eine Schleife, einen Volant (Faltenbesatz) - und läßt überraschend freie Bilder entstehen, die nur noch für sich stehen und einen K!ang, eine Bildmelodie entwickeln, die ausschließlich sich selbst genügt.

Sind ihre in einer Erstphase entstandenen, kleinen Formate noch der Liebe zur Berichterstattung über die Kostbarkeit, in der Designer, Schneider und Kostümbildner Erfüllung suchten, verpflichtet, geben sich die monumentalen Vergrößerungen ganz der Augenlust hin.

Man möchte die fließenden Formen berühren, mit der Hand Wellen und Mulden durchfahren, in Licht- und Schattenzonen Pause machen und dann im Sternennebel eines Lamékleids (silber- oder golddurchwirkt) untergehn. Einen wild abstrahierten Bausch liebt Gunda Oelmann ebenso wie fast meditativ fließende Linien.

Sie hat keine Scheu vor dem Dekorativen. Manieristen kommen voll auf ihre Kosten. Romantiker ebenfalls. Manch einer wird nicht genau wissen, wo er sich im Hinübergleiten zwischen Tagtraum und Realität gerade befindet. Womöglich vermuten Puristen hinter der Neigung zu Opulenz einen künstlerischen Sündenfall.

Es ist schon erstaunlich, wie die abgelichteten Stoffe mal wie gebördeltes Metall, mal wie Blütenblätter aussehen. Gunda Oelmann materilisiert und ent-materialisiert mit Licht und formt das Glamouröse zu sinnlichen Bildern um.

Im Zentrum der Ausstellung steht zweifellos das Triptychon "Roter Schatten", für das ein deutsches Taft-Unterkleid der 60er Jahre sein Reizpotential zur Verfügung stellte. Stilsicher wird ein Barock-Gefühl mit neo-poppiger Eleganz gekreuzt, gehobener handwerklicher Standard mit freier Sicht auf Phantasieausformungen.

Welch hohe materielle und formale Eigengewichtigkeit ein Kleid haben kann und wie es eine Serie von Huldigungen inspirieren kann, zeigt jenes Marlene-Dietrich-Kleid, welches die Diva in dem 1956 gedrehten Welterfolg "In 80 Tagen um die Welt" ganze drei Film-Minuten lang trug. Der skulptural anmutende Reflex in "liséré (Borte)" als auch das pixelhaft bildrauschende "lamé", sowie jede Menge "skizzen" umspielen wie Freudenfeuerwerke den Stoff, aus dem sie kommen - und über den sie triumphieren wie eben eine abstraktion über einen kostümfilmrausch.

Wie ein rotes Samtband als anmutige lineare Intervention gegenüber einer flächig gestaffelten Knitterkaskade zu leben beginnt, das zeigt das Bemühen der Fotografin um den dramaturgisch notwendigen Kniff und ihre Freude am Schau-Ereignis, das, so hoffe ich, auch Sie in seinen Bann zieht.

C.T.
 
 
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